Nicht wieder sprachlos sein - Eine Erklärung des Evangelischen Kirchenkreises und des Diakonischen Werkes Duisburg

07.11.2018 12:05

Eine Erklärung des Evangelischen Kirchenkreises und des Diakonischen Werkes Duisburg
zum achtzigsten Jahresgedenken an die Pogromnacht am 9. November 1938

Am 9. November 1938 brannten in Deutschland jüdische Geschäfte und Gotteshäuser. Auch in Duisburg. Die Pogromnacht bildete einen schrecklichen Höhepunkt der 1933 begonnenen Diskriminierung und Drangsalierung von Menschen jüdischen Glaubens und zugleich den verbrecherischen Übergang zu ihrer erst 1945 endenden systematischen Verfolgung und Ausrottung. Was damals in Deutschland geschah, war und ist beispiellos in der Geschichte menschlicher Unmenschlichkeit.

Seit es in Deutschland einen freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat gibt, wird der Pogromnacht alljährlich am 9. November gedacht. Auch in diesem Jahr. Und doch ist es diesmal mehr als ein alljährliches Gedenken. Nicht wegen der runden Zahl der achtzigsten Wiederkehr. Sondern weil der Ungeist, der vor achtzig Jahren zur Tat schritt, noch nie in der Geschichte des freiheitlichen demokratischen Deutschland wieder so laut, so frech und so hoffähig auftritt wie in unseren Tagen.

Eine politische Partei, zu deren Repertoire neben nationalistischem Stumpfsinn und menschenverachtender Fremdenfeindlichkeit auch wieder der dumpfe Antisemitismus gehört, hat es bis in den Bundestag geschafft. Das ist heute so wenig ein Betriebsunfall der Geschichte wie damals die sogenannte Machtergreifung der Nazis. Das ist vielmehr auch eine Folge davon, dass Rassismus und Antisemitismus in unserer Gesellschaft zu keinem Zeitpunkt verschwunden sind. Jetzt, da eine rechtspopulistische Partei in die Parlamente einzieht und ihre rechtsradikalen Verbündeten die Straßen zu erobern versuchen, wird sichtbar, was nur versteckt war: Die Wiederbelebung uralter haltloser Vorurteile und ihre massenhafte Propagierung als angebliche Fakten in den sozialen Netzwerken. Der als sogenannte Kritik am Staat Israel verkleidete Antisemitismus. Die immer neuen Tabubrüche unter dem Motto „Das wird man doch noch sagen dürfen“.

Die jüdische Gemeinde in Duisburg hat nach Jahren des öffentlichen Feierns ihr letztjähriges Chanukka-Fest erstmals hinter geschlossenen Türen begangen - nicht nur wegen erhöhter Sicherheitsauflagen, sondern auch schlicht aus Angst. Dass das so ist, ist eine Schande für unsere Stadt.

Vor achtzig Jahren waren nicht einzelne Nazis oder NSDAP-Verbände die Täter. Veranlasser und Täter waren die Institutionen und Apparate des Staates, deren sich eine Partei bemächtigt hatte. Und die Bevölkerung? Die Nachbarn derer, die verfolgt wurden? Die „anständigen Menschen“? Sie waren sprachlos. Sie schauten zu. Nicht anders als die beiden christlichen Kirchen.

Sprachlosigkeit führt zu Tatenlosigkeit. Wer sprach- und tatenlos ist, lässt geschehen - bis hin zum grauenvollen Verbrechen. Das darf sich nie wiederholen. Und deshalb ist die immer wiederkehrende Erinnerung an das, was geschehen konnte, nie verjährt. Es gibt keinen Schlussstrich. Was geschehen konnte, kann eben doch wieder geschehen, auch wenn das in den vergangenen Jahrzehnten niemand für möglich gehalten hat.

Aus diesem Grund werden wir jedem Versuch, die Folgen des Antisemitismus zu verharmlosen oder sein neuerliches Aufflammen zu rechtfertigen, sofort und unmissverständlich entgegentreten und öffentlich widersprechen. Da darf es keine Toleranz geben. Das zählt für uns als evangelische Kirche und Diakonie in Duisburg zu den nicht verhandelbaren Grundüberzeugungen.

 

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